Forschungsmarkt: Vereinigtes Königreich

Zwischen Bangen und Hoffen…

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Das Schauspiel um den Austritt des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Nordirland (UK) aus der EU geht in seinen X-ten Akt und eine tollkühne Volte jagt die nächste. Haben Sie noch Spaß daran zuzusehen? Vielen im Land ist er vergangen, und das schon seit Langem. Wissenschaft und Hochschulen gehören ganz sicher dazu.

Der britische Forschungsraum

Forschung findet im UK ganz überwiegend an Universitäten statt. Eine breite außeruniversitäre Forschung gibt es, von wenigen herausragenden Beispielen wie dem Francis Crick Institute in London oder dem National Graphene Institute (NGI) in Nachbarschaft zur Universität Manchester, wenige. Wie leistungsstark und weltoffen der britische Forschungsraum ist, machen zwei Zahlen deutlich: Studierende kommen zu ca. 20 % aus dem Ausland, bei den Forschenden sind es etwa 30 %. In internationalen Rankings rangieren Universitäten des Landes zusammen mit US-amerikanischen Institutionen vielfach weit oben. Sie sind beliebt als Kooperationspartner und erfolgreich in EU-finanzierten Programmen, nicht selten im Schulterschluss mit deutschen Institutionen. Volkswirtschaftlich relevant ist der Hochschulsektor mit rd. 22 Milliarden GBP an Einnahmen durch Studiengebühren und Lebenshaltungsausgaben internationaler Studierender, bei etwa einem Zehntel dessen an Kosten für die Inanspruchnahme von Infrastruktur und Gesundheitswesen.

Weitere gute Gründe ließen sich benennen, warum Wissenschaft und Hochschule im UK sehr gut dastehen und weiteres Potential haben. Das alles wissen auch die politischen Entscheidungsträger. Dummerweise sind sie aktuell damit befasst den Austritt des Landes aus der EU zu organisieren, der für das erwähnte Positive, da sind sich die Allermeisten einig, kontraproduktiv ist.

Geradezu verzweifelt wird von Politikern seit dem Referendum von Juni 2016 nach „opportunities“ gesucht, die der EU-Austritt doch bitte für die Wissenschaft mit sich bringen möge. Von wenigen Ausnahmen abgesehen sehen dessen Repräsentanten aber nur „risks“, britisch höflicher formulierte „challenges“ und „uncertainties“ oder ganz direkt: „serious concerns“. Letzteres gaben 82 % der Hochschulen anlässlich einer Umfrage, die Universities UK (UUK), die britische Rektorenkonferenz, kürzlich durchgeführt hat, zu Protokolll, falls es einen ungeregelten Austritt ohne Übergangslösung geben sollte.

Mit dem europäischen Forschungsraum eng verwoben

Die britische Wissenschaft hat Angst davor, ihre internationalen Verbindungen - nicht wenige davon sind in EU-Programmen langjährig bewährte Forschungspartnerschaften - zu verlieren. Das erklärt sie seit gut drei Jahren fortlaufend und mit wachsender Intensität.

Eine Idee sie zu beruhigen besteht darin, nationale Programme aufzulegen, die Verluste auf europäischem Niveau ausgleichen sollen. Die Absicht dies zu tun, haben sowohl die Regierungen unter der unglücklich agierenden Premierministerin Theresa May (bis Juni 2019) und seit Juli d.J. die des schillernd-polternden Premiers Boris Johnson kommuniziert.

Anfang April 2019 titelte das Times Higher Education (THE) Magazin: “UK universities lose grants and staff as Brexit uncertainty grows”. Der ausführliche Beitrag zu einer von UUK Ende März in London organisierten Konferenz stellte die Sinnhaftigkeit nationaler Ersatzmaßnahmen in Frage.

Zudem wird darin stark bezweifelt, dass die britische Regierung post-Brexit in der Lage sein wird, eine weitgehende Assoziierung mit dem neuen europäischen Flaggschiffprogramm „Horizon Europe“ ab dem Jahr 2021 zu erzielen. Ohne Zugang, besonders zu European Research Council (ERC) und Marie Sklodovskaja Curie-Stipendien (MSCA), verliere man nicht allein finanziell; noch wichtiger als Geld sei der drohende Verlust an akademischer und institutioneller Attraktivität, denn für herausragende, international mobile Kräfte sei gerade der Zugang zu ERC- und MSCA-Förderungen bedeutsam. Sei er demnächst versperrt, reduziere dies auch die Netzwerk-Kompetenz britischer Universitäten, die als Partner an Attraktivität einbüßten. Diese Sicht bestätigte im Kontext der Konferenz Robert-Jan Smits, vormaliger EU-Generaldirektor für Forschung und Innovation und maßgeblicher Mitgestalter des European Research Council (ERC). Die Schweiz habe 2014 versucht, den Ausschluss aus „Horizon 2020“ im nationalen Alleingang zu kompensieren. Aufgrund des internationalen Charakters von Forschungskooperation habe das nicht funktioniert. Das UK verfüge, so führte Smits aus, über eines der weltweit stärksten Wissenschaftssysteme, das mit dem europäischen vollständig verwoben sei. Im Ergebnis brauche man einander und keiner könne ohne die Hilfe des anderen so stark sein wie bisher. Gegenüber THE wünschte Smits den Verantwortlichen im UK, die ein nationales Kompensationsprogramm versuchten, “good luck with it”…

Mobilität von Forscherinnen und Forschern

Es ist nicht leicht, im Zuge des Brexit und dessen Auswirkungen auf internationale Wissenschaftsbeziehungen belastbare Daten und Statistiken zur Mobilität von Forscherinnen und Forschern zu erhalten. Vereinfacht gesagt scheinen viele, die bereits im Land sind, und das nicht selten langjährig, abzuwarten. Sie hoffen, dass es am Ende nicht so schlimm kommen wird. Rückkehrer in ihre europäischen Heimatländer oder Abwanderungen in Drittländer gibt es; in welcher Zahl und ob mit Grund von einem „Brexodus“ gesprochen werden kann, ist aber weithin unklar.

Britische Institutionen halten sich verständlicherweise bedeckt – meistens jedenfalls. So führte Professor Sir Paul Nurse, Nobelpreisträger des Jahres 2001 und Direktor des Francis Crick-Institutes, des größten europäischen biomedizinischen Forschungszentrums in London, im Oktober 2018 eine Umfrage unter seinem wissenschaftlichen Personal durch, worüber die Zeitung „The Guardian“ berichtete. 40 % kommen Nurse zur Folge aus der EU. Im Ergebnis sagten gut Dreiviertel, es sei weniger wahrscheinlich, dass sie im UK blieben, sollte es zu einem Austrittsabkommen ohne Übergangsregelung kommen, und immerhin ein Drittel der Mitarbeiter mit UK-Staatangehörigkeit vertraten dieselbe Auffassung. Ob der Brexit tatsächlich, wie der Ende September 2019 ausgeschiedene Präsident der Technischen Universität München, Professor Wolfgang Herrmann jüngst dem „Spiegel“ sagte, „uns Topleute bringen" wird, bleibt aufs Ganze gesehen wohl noch abzuwarten. Zahlreiche übergeordnete wie sehr persönliche Faktoren werden die Entscheidungsfindung beeinflussen.

Einigermaßen sicher ist aufgrund einer größeren Zahl von Beobachtungen und Rückmeldungen indes, dass Bewerbungen aus europäischen Ländern auf vakante Positionen im UK massiv zurückgegangen sind. Wer möchte sich und ggf. die eigene Familie der vorherrschenden Unsicherheit aussetzen? Insgesamt hat der politische Druck auf das Thema Zuwanderung seit dem Abgang von Premierministerin May allerdings nachgelassen und die Regierung unter Premierminister Johnson stellt erleichterte Zugangswege für Hochqualifizierte in Aussicht. Details sind noch ungeklärt, doch sollen von der neuen Regelung nicht zuletzt Wissenschaftler*innen profitieren. Aller positiven Aussichten zum Trotz unterlaufen dem britischen Innenministerium seit Jahren immer wieder katastrophale Fehler in Migrationsfragen, wie sie der sog. Windrush-Skandal geoffenbart hat (siehe Bericht DAAD-Außenstelle London). Beide Seiten sind sich beim Bleiberecht bereits im Land lebender EU-Bürger weitgehend einig. Nicht wenige von ihnen befürchten dennoch, dass nach einem Austritt inkompetente Entscheidungen bis hin zu einer Wiederholung des Windrush-Skandals auch sie treffen könnten.

Lobbying und kreative Ideen sollen die negativen Folgen des Brexits begrenzen

Wunscheinrichtungen britischer Hochschulen, mit denen man Kooperationsverträge schloss, befanden sich bislang in aller Regel außerhalb Europas. Dabei stand Asien neben Nordamerika im Vordergrund. Ein positives Moment des leidigen Themas „Brexit“ sind eine Reihe von Hochschulpartnerschaften, die seit 2017 mit europäischen Universitäten entstanden sind. Deutsche Institutionen sind dabei häufig vertreten, etwa die LMU München und die Universität Cambridge, die TU München mit dem Imperial College London sowie die Universität Bremen, die im März 2019 ein Abkommen mit der Universität Cardiff schloss.

Als erste hatten die Universität Oxford und die drei Berliner Universitäten sowie das Universitätsklinikum Charité im Dezember 2017 ein Zusammengehen vereinbart. Solche konkreten Maßnahmen treten neben die unablässige Lobbyarbeit auf nationalem Gebiet. Universities UK, British Society, die „Russell Group“, in der 24 forschungsstarke Universitäten organisiert sind, und andere mehr sind hier sehr aktiv. Beides zusammen macht den Wunsch nach verbindlich vereinbarter institutioneller Kooperation greifbar. Er belegt, wie stark man jenseits des Kanals daran interessiert ist, das Bestehende beizubehalten und Wege zu finden, bilateral zumindest tlw. auszugleichen, was auf europäischer Ebene im Falle eines „no deal“ evtl. nicht mehr möglich sein wird.

Konkrete Kooperationswünsche

Bereits vor dem Brexit war ein oft geäußerter Wunsch britischer Universitäten, „Joint PhD-Programmes“ zwischen Partnern in Deutschland und dem UK stärker in den Blick zu nehmen. Entsprechende Abkommen gibt es, z.B. zwischen dem King’s College London (KCL) und der Humboldt-Universität Berlin. Die Möglichkeit „binational“ zu promovieren besteht hier an mehreren Fakultäten beider Hochschulen. Die Doktorandenausbildung findet im UK oft in sog. Centers for Doctoral Training (CDT) statt. Sie sind ähnlich aufgebaut wie Graduiertenschulen in Deutschland. Unterschiedliche Betreuungskulturen kennenlernen, vorhandene Ressourcen, die in beiden Ländern nicht notwendigerweise identisch sind, optimal nutzen, in unterschiedlich komponierten internationalen Teams zusammenarbeiten: Vorteile solcher „Joint PhD-Programmes“ gibt es viele.

Auf diesem Feld, und anderen mehr, lohnt gewiss weiterhin die deutsch-britische Forschungszusammenarbeit. Britische und deutsche Partner haben oftmals über viele Jahre ein Vertrauensverhältnis aufgebaut und wissen, was sie fachlich und persönlich aneinander haben. Im Rahmen von „Horizon 2020“ haben beide am intensivsten unter allen Programmbeteiligten kooperiert, wobei UK-Institutionen bei der Einwerbung von ERC-Grants noch erfolgreicher waren als deutsche. Idealerweise, daran gibt es auf Wissenschaftsseite wenig Zweifel, sollte das UK auch bei „Horizon Europe“ (2021-2027) mitwirken können, denn die Wissenschaftsregion Europa als Ganze verlöre ohne britische Beteiligung an Gewicht und Bedeutung. Ob dazu bestehende Konditionen als assoziiertes Mitgliedsland ausreichen oder ein gegenüber dem Ist-Stand qualitativ wie quantitativ aufgewerteter Drittlandstatus gelten kann und soll?

„Hope dies last“ – auch wenn bisher kaum der Eindruck entstanden ist, dass Hochschule & Wissenschaft auf der Themenliste weit oben platziert waren, so bleibt doch die Hoffnung, dass politische Entscheidungen sie mit bedenken werden – trotz des Brexits / nach einem Brexit, wie immer er aussehen wird.

 

Stand: Oktober 2019

Autor: Dr. Georg Krawietz

Länderprofil Vereinigtes Königreich

Aus den Ergebnissen der weltweiten Umfrage zu Informations- und Mobilitätsverhalten internationaler Nachwuchswissenschaftler wurden, neben den übergreifenden Umfrageergebnissen, einzelne Auswertungen für die acht Länder mit den meisten Teilnehmenden erstellt.

Nach einem kurzen Überblick über die demographischen Daten der Fragebogen-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer werden die Motive für einen Auslandsaufenthalt beleuchtet. Was bewegt die Befragten zu einem Auslandsaufenthalt? Wo informieren sie sich? Und nach welchen Faktoren entscheiden sie sich?

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